Sophie sitzt in einem Seminar mit dem klingenden Titel „Gender- eine Reise durch die Zeitgeschichte“ und freut sich, dass heute Referate gehalten werden und nicht die Seminarleitern, Frau Dr. Thaler-Frey, ihre üblichen Vorträge hält. In der ersten Stunde fand Sophie das Thema Gender – für das sie sich hauptsächlich deswegen eingetragen hat weil sie es sich als Wahlfach anrechnen lassen kann und man praktisch durch Nichtstun ein Zuegnis bekommen soll – ja noch ganz spannend. Die Referatsthemen klangen vielversprechend:
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Frauen in der musikalischen Geschichte
- Die Frau als Gender in der Kunst
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Genderberücksichtigung im Zuge der Rechtsgeschichte
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Gender Studies in der kriminologischen Forschung
- Gendermodelle in der zeitgenössischen Dichtung
Doch spätestens seit der zweiten Stunde enervieren Sophie nicht nur Dr. Thaler-Freys harte maskuline Stimme und ihr Talent mit 1000 Worten fast nichts zu sagen, sondern ganz besonders ihr exzessiver Gebrauch von dem kleinen Anhang „-innen“.
Nun ist es Mitte des Semesters und Sophie ist schwer entschlossen nach all der nutzlos abgesessenen Zeit in diesem Kurs nun auch ein Zeugnis zu erwerben- als Trostpflaster quasi. Die Referate beginnen und ein Mädchen mit einer besonders grellen Stimme referiert lautstark über „Gender im Berufsleben – Zur Persistentz des geschlechtshierarchischen Arbeitsmarktes“:
„Liebe Mitstudenten und Mitstudentinnen! Trotz steigender Erwerbsbeteiligung von Frauen an klassischen „Männerberufen“ bleibt die geschlechtsspezifische Segregation des Arbeitsmarktes auch im 21. Jahrhundert unverändert. Dies ist der Grund warum Studenten und -innen, Gymnasiasten und -innen sowie Hauptschüler und -innen im späteren Berufsleben grundsätzlich ungleich behandelt und bewertet werden. Diese Nicht-Berücksichtigung der gleichen Fähigkeiten aller Beteiligten und -innen…
An dieser Stelle geht ein leises unterdrücktes Gelächter durch den Raum.
„…führt zu ungleichem Gehalt. Diese Ungleichbehandlung hat seine Wurzel schon im Mittelalter wo Bauern bzw Bäuerinnen, Köche und -innen, Handwerker und -innen und Musiker und -innen…
Eine Hand hebt sich und die Referierende stockt. „Ja?“
„Ich bin ziemich sicher es gab im Mittelalter keine Handwerkerinnen.“ meldet sich mutig einer der wenigen männlichen Seminarbesucher zu Wort.
„Bitte?“ Die Referierende wird nervös und wirft Frau Dr. Thaler-Frey fragende Blicke zu. Diese starrt den unterbrechenden Studenten misstrauisch an.
„Handwerkerinnen. Ich meine die gab es nicht. Der Handwerksberuf war – wie du bestimmt noch ausführen wolltest- ein reiner Männerberuf. Deswegen kann man nicht sagen Handwerkerinnen wenn man vom Mittelalter spricht.“
„Aber heute gibt es welche. Und damals wird es vielleicht auch welche gegeben haben.“
„Naja, meines Wissens gab es keine. Und ich kenne auch keine Aufzeichnungen die deine These bestätigen würden. Der Handwerksberuf war damals in Gilden organisiert und einer Gilde konnten nur Männer beitreten.“
Die Referierende schaut hilfesuchend zu Frau Dr. Thaler-Frey hinüber und läuft etwa zeitgleich rot an.
„Fragen bitte nach der Stunde!“ fährt diese daraufhin den sich zu Wort meldenen Studenten an. „Sie stören nur den Vortrag.“
Daraufhin schweigt betreffender Student wieder in sich hinein auch wenn er sich bei den weiteren Ausführungen der nun etwas stockend vortragenden Referierenden manchmal ein Lächeln oder leises Auflachen nicht verkneifen kann -so wie viele andere der Mitstudenten und -innen. Sophie trägt sich gleich nach dieser Stunde als sie zuhause ankommt in eine weitere Studivz-Gruppe ein:
„…/innen“ nervt – für den Erhalt des generischen Maskulinums!



